Freitag, 8. Juni 2012

Bremen, Überseemuseum





















Aufgrund der  Aufsplitterung Deutschlands in souveräne Kleinstaaten war der deutsche Kolonialbesitz im Vergleich zu England, Spanien, Portugal, den Niederlanden oder Frankreich sehr gering. Eine koloniale Eroberung begann eigentlich erst im 19. Jahrhundert nach der Gründung des preußisch-deutschen Kaiserreiches im Jahre 1871. Aber auch Bismarcks Kolonialpolitik war eher zurückhaltend, da er einen Konflikt mit England und Frankreich fürchtete. Bismarcks Ziel war es, durch die Schaffung eines Gleichgewichts in Europa und die Isolierung Frankreichs durch Bündnissysteme einen Krieg und damit eine antideutsche Koalition, sowie eine mögliche Revolution infolge eines Krieges zu verhindern. In der sich entwickelnden Industrie entstand jedoch ein harter internationaler Wettbewerb um Rohstoffquellen, Absatzmärkte und Einflußsphären. Dazu gehörte die Erschließung billiger Rohstoffquellen und Arbeitskräfte in Übersee durch Kolonialismus. Dieser wurde als ökonomische Notwendigkeit angesehen, und so war es neben reichen Kaufleuten und Reedern auch die junge Industrie, die einen entsprechenden Druck auf die Regierungen ausübte. Darüber hinaus entstand durch Protektionismus ein Konkurrenzkampf der europäischen Großmächte um die Aufteilung der Welt. Jede Großmacht wollte für seine eigene nationale Industrie ein eigenes, großes, zentral regiertes Kolonialreich schaffen und sich die Rohstoffquellen sichern. Auch in Deutschland glaubte man nach der nationalen Einigung in Form des preußisch-deutschen Kaiserreiches ein Recht auf einen entsprechenden Anteil an Kolonien zu haben. Der Kolonialismus des beginnenden Industriezeitalters unterschied sich durch seine Verwaltung und seinen Umfang vom ursprünglichen Kolonialismus: Ursprünglich waren es Eroberer, die im Auftrag ihrer heimischen Fürsten in den Kolonien eine selbstständige Herrschaft ausübten. Später übernahmen dies Handelskompanien, Militärs und Kaufleute, die, mit Privilegien ausgestattet, im Aufttrag ihres Mutterlandes handelten. Seit der Industrialisierung jedoch, wurde die Herrschaft in den Kolonien von den Kolonialmächten direkt übernommen. Die Kolonialverwaltungen wurden i.d.R. Teil des Staatsapparates ihrer europäischen Mutterländer. Die deutschen Kolonien wurden laut Verfassung allerdings nicht Bestandteil des deutschen Reichsgebietes, sondern überseeischer Besitz des Deutschen Reiches. In der Zeit zwischen 1880 und 1914 betrug der Kolonialbesitz der europäischen Mächte mehr als die Hälfte der Erdoberfläche. Durch den Kolonialismus wurde die Wirtschaft und die Infrastruktur in den kolonialisierten Kontinenten auf die massenhafte Rohstoffgewinnung und den Export der Rohstoffe ausgerichtet. Eine wertentsprechende Bezahlung unterblieb. Die Fähigkeit der kolonialisierten Länder, eine eigene, selbstbestimmte unabhängige Binnen- und Außenwirtschaft aufzubauen ging verloren. Dadurch ist das große, dauerhafte  Armutsgefälle auf der Erde zwischen Nord und Süd entstanden. 

Kaiser Wilhelm II. lehnte als Deutsch-Nationalist die Bündnispolitik Bismarcks ab. 1890 entließ er Bismarck. Ab 1898 begann entsprechend eine verstärkte koloniale Expansionspolitik Deutschlands, was letztlich, wie befürchtet, im Jahre 1904 mit der "Entente cordinale" zu einer britisch-französischen Annäherung führte. Die Politik nach Bismarcks Entlassung führte geradewegs in den Ersten Weltkrieg.



Vor diesem geschichtlichen Hintergrund entstand das 1896 eröffnete "Städtische Museum für Natur- Völker- und Handelskunde" (heute "Überseemuseum") nahe des Bremer Hauptbahnhof. Die Architektur des mächtigen Gebäudes ist entprechend im Historismus (Neoklassizismus) mit kolonialen Dekors augeführt. Man kann es durchaus als "Kolonialstil" bezeichnen. Das Gebäude und seine Sammlung mit Gebrauchs- Ritual- und Kunstgegenständen, sowie präparierten Tieren aus den Kolonialgebieten stellte Deutschland stolz als Kolonialmacht zur Schau. Bremen war aber schon vor dieser Zeit eine Hafen- und Handelsstadt, seit dem 17. Jahrhundert auch mit überseeischen Beziehungen, wenn auch zunächst nur indirekt über den Handel mit Amsterdam, Bordeaux und London. So geht auch die ursprüngliche Sammlung auf die Zeit vor dem deutschen Kolonialismus zurück, nämlich bis auf die Gründung der "Physikalischen Gesellschaft" im Jahre 1776 (ab 1783 "Gesellschaft Museum"). Der Erfolg der Sammlung auf der "Nordwestdeutschen Gewerbe- und Industrieausstellung" in der Abteilung "Handels- und Kolonialausstellung" in Bremen im Jahre 1890 führte schließlich zum Bau des heutigen großen Gebäudes im Kolonialstil. 1935 wurde das Museum in "Deutsches Kolonial- und Überseemuseum" umbenannt. Erst 1951 erhielt das Museum seinen heutigen Namen "Überseemuseum". Die Konzeption wurde von einem Kolonialmuseum zu einem Museum für Geschichte und Gegenwart überseeischer Länder und Kulturen, ökologische Fragen und zum Informationszentrum und Forum für aktuelle Fragen, Meinungen und Tendenzen geändert. Das Überseemuseum gilt heute als eines der meistbesuchten Museen Deutschlands.




























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